Der gefesselte Prometheus (von Aischylos).

Das Drama Der gefesselte Prometheus schildert die mannigfaltigen Szenen, in denen der göttliche Prometheus die Strafe erduldet, auferlegt vom Vater der Unsterblichen und der Sterblichen, dem mächtigen Zeus; all dies wirst du aus dem Werke selbst erfahren.
Doch sind wir hier genötigt, die Geschichte jenes Geschenkes zu berichten, das der göttliche Prometheus den Sterblichen verlieh, dessen wir uns bedienen, ohne seines Namens zu danken, durch das wir jedoch gesegnet sind.
Einst stieg der göttliche Prometheus, an der Seite der Artemis, vom Olymp zur Erde herab und erblickte die Armut und den Kummer, in denen die Menschen sich abmühten; sein Herz ward von Güte erfüllt, und er entwarf einen Plan, ihr Geschick zu wandeln.
Unter den Schätzen des Olymps befand sich einer, dessen Macht so gewaltig war, dass er wahrlich den Lauf des sterblichen Lebens zur Wohlfahrt zu wenden vermochte; sein Name war das Feuer.
Mit dem Feuer, und mit seinen wärmenden Zungen der Flamme, hätten alle Sterblichen Werke zu vollbringen vermocht, so gottähnlich und so schön, dass selbst die Unsterblichen ihrer begehrt hätten, und die Armut wäre vom Antlitz der Erde verschwunden.
Und einst,—
An einem Tage, dessen Datum keine Zunge zu nennen vermag,
In einer Stunde, den Göttern selbst verborgen,
Ward der entschlossene Plan des Prometheus vollendet.
Als Nyx die ganze Welt in ihren Mantel der Schatten gehüllt hatte,
Und Nephelê der Selênê leise Geschichten zuflüsterte,
Und ihr strahlendes Antlitz die Erde nicht mehr erhellte,
Da näherte er sich, gleich einem Schatten, der Flamme,
Und raubte einen Teil ihres unvergänglichen Feuers,
Und entfloh vom hohen Olymp zu den Menschen,
Den Sterblichen jenes unsterbliche Geschenk tragend.

  • Diese einleitende Passage gehört nicht zum ursprünglichen Text von Aischylos’ Der gefesselte Prometheus. Es handelt sich um einen redaktionellen Prolog, der zu kontextuellen und interpretativen Zwecken vor das Drama gestellt wurde.

Personen:

  • Prometheus.
  • Hephaistos.
  • Kratos (Macht).
  • Bia (Gewalt).
  • Okeanos.
  • Hermes.
  • Io.
  • Chor der Okeaniden.

Szene in der europäischen Skythien.

Felsen, dem Euxinischen Meere zugewandt.

Prometheus, Hephaistos, Kratos und Bia.

Kratos.

Wir haben erreicht den äußersten Rand der Erde,
Den skythischen Pfad, die menschenleere Wildnis;
Und nun ziemt es dir, Hephaistos, zu vollziehen
Den Willen des Vaters und diesen frechen Gott
An die hochstirnigen Felsen zu heften, mit Banden
Unzerreißbar aus adamantinischen Ketten.
Deine Krone, den Ruhm des schaffenden Feuers,
Hat er geraubt und den Menschen gegeben; für diese Schuld
Ist es gerecht, dass er den von den Göttern geforderten Zorn bezahlt,
Damit er lerne, die Herrschaft des Saturniers anzuerkennen
Und von seiner Liebe zum Menschen abzulassen.

Hephaistos.

O Kratos und Bia! für euch gelangt der Befehl des Zeus
Ungehindert zu seinem Ende.
Doch für mich,
Mit gewaltsamen Händen einen Gott meines Blutes zu binden
An diesen sturmzerrissenen Abgrund,
Das wage ich nicht; und doch zwingt mich die Notwendigkeit
Zu wagen — furchtbar wäre es, Zeus zu missachten.
O du weisester Sohn der weisen Themis!
Dich hassend, hasse ich mich selbst, da ich dich
Mit unlösbaren Ketten an diesen öden Felsen hefte,
Wo niemals Stimme noch Gestalt eines sterblichen Menschen
Dir begegnen wird, o Freund der Menschen; wo, festgesetzt
Unter der glühenden Sonne, die weiße Blume deiner Stirn verwelkt,
Die sterngewirkte Nacht dich wohlgefällig überschattet
Und der Tag aufs Neue die Morgentaue zerstreut.
Doch immer wird das gegenwärtige Empfinden des Leids
An deinem Herzen nagen, denn kein Befreier kommt!
Solche Frucht erntest du aus deiner Liebe zum Menschen!
Denn du, ein Gott, der die Götter nicht fürchtete,
Hast den Sterblichen eine ihnen nicht gebührende Ehre verliehen.
Dafür wirst du diesen freudenlosen Felsen bewachen,
Aufrecht, schlaflos, das Knie nicht beugend,
Und viele Klagen und fruchtlose Seufzer
Von dir geben.
Denn unbeugsam ist der Sinn des Zeus,
Und stets grausam ein neu errichteter König.

Kratos.

Genug!
Warum zögerst du mit eitlem Mitleid?
Warum hassest du nicht einen Gott, der die Götter hasst,
Der deine Herrlichkeit den Menschen preisgab?

Hephaistos.

Stark ist das Band der Verwandtschaft und der Freundschaft!

Kratos.

Ich gestehe es. Doch wie kannst du dem Vater
Widersprechen? Schreckt dich dies nicht noch mehr?

Hephaistos.

Ja, wärst du streng und voll von Kühnheit.

Kratos.

Denn es frommt nicht, ihn zu beweinen;
Noch mühe dich für das, was keinen Nutzen bringt.

Hephaistos.

O verhasste, verhasste Kunst, von meinen Händen erlernt!

Kratos.

Warum hasst du sie?
Denn in schlichter Wahrheit ist deine Kunst
Nicht Ursache irgendeines gegenwärtigen Übels.

Hephaistos.

Wäre doch ein anderer ihr Diener!

Kratos.

Alles ist voll von Leid, außer über die Götter zu herrschen;
Denn niemand ist frei, außer Zeus.

Hephaistos.

Das weiß ich;
Und in nichts vermag ich deinen Worten zu widersprechen.

Kratos.

Warum also säumst du, diesen Gott
Mit Ketten zu umschließen, auf dass Zeus dich nicht zaudernd erblicke?

Hephaistos.

Hier sind die Fesseln.

Kratos.

So ergreife ihn denn,
Und auf beiden Seiten seine Hände, mit nerviger Kraft
Schlage mit dem Hammer — hefte ihn an die Felsen.

Hephaistos.

Das Werk ist vollbracht und nicht unvollkommen.

Kratos.

Schlage mit stärkerem Schlag, presse,
Lass nicht nach;
Er findet Wege, wo andere keine finden.

Hephaistos.

Dieser Arm ist unauflöslich befestigt.

Kratos.

Nun
Binde auch den andern fest — der Sophist lerne,
Dass er weniger weise ist als Zeus.

Hephaistos.

Außer Prometheus
Kann mich niemand mit Recht schelten!

Kratos.

Befestige fest
Quer über seine Brust den hartnäckigen Zahn
Des adamantinischen Keils.

Hephaistos.

Weh! weh!
Prometheus, ich beklage dein Geschick!

Kratos.

Bist du ein Feigling?
Um die Feinde des Zeus
Weinst du?
Hüte dich, dass du nicht dich selbst beweinst.

Hephaistos.

Ein Schauspiel siehst du, traurig anzusehen.

Kratos.

Ich sehe diesen Gott gerechte Strafe erdulden.
Doch fessle nun seine Seiten.

Hephaistos.

Die Notwendigkeit
Zwingt mich dazu; doch dränge nicht zu sehr.

Kratos.

Ja, ich werde drängen und mein Drängen erneuern:
Steig herab und fessle mit Gewalt seine Glieder.

Hephaistos.

Dies ist getan, ohne verlängerte Mühe.

Kratos.

Und nun
Schlage kräftig die durchbohrenden Fesseln ein —
Schlage, denn der, dessen Werk du tust, ist streng.

Hephaistos.

Deine Zunge spricht Worte, so rau wie deine Gestalt.

Kratos.

Sei du sanft und mild, doch wirf mir nicht vor
Den festen Willen und den entschlossenen Zorn.

Hephaistos.

Lasst uns gehen.
Eiserne Netze umschlingen seine Glieder.

Kratos.

Hier, nun verhöhne!
Und nachdem du die Götter
Ihrer Herrlichkeiten beraubt hast, segne damit den Menschen.
Sag mir, wie
Deine geliebten Sterblichen dich befreien können
Von all diesen Leiden.
Die Götter haben dich falsch benannt
Prometheus den Vorsorger, da du selbst
Eines Vorsorgers bedarfst, um von hier zu entkommen.

Prometheus allein.

Prometheus.

O heiliger Äther und ihr schnellgeflügelten Winde,
ihr Quellen der Ströme und zahllosen Mulden
der ozeanischen Wellen – allnährende Erde –,
und du, allsehende Sonne, euch rufe ich an:
schaut mich an, was ich trage – ein Gott von Göttern.
Schaut, von welcher Qual verzehrt
diese meine Augen müde sich wenden
zu der Zeit unzählbaren Jahren.
So harte Kette des Leidens
hat mir des Himmels neugeborener König geschmiedet!
Weh mir! weh mir! meine Tränen
fließen gleich für Gegenwart und Zukunft.
Wo liegt die Grenze meines mächtigen Jammers?
Was rede ich? Alle Dinge, auch die künftigen alle,
sehe ich unverhüllt; kein Schmerz kann kommen,
der meiner Seele fremd wäre.
Es ziemt sich zu tragen
in Ruhe, was das Geschick verordnet, da man weiß,
dass die Notwendigkeit eine unwiderstehliche Gewalt hat.
Und doch kann ich nicht schweigen, noch schweigend reden,
von diesen meinen Leiden.
Durch diese Notwendigkeiten,
weil ich dem Menschen ein herrliches Geschenk gab,
bin ich ins Joch gespannt – weil ich entwendete
die im Ferul verborgene geheime Quelle des Feuers,
Lehrmeister aller Künste, hohe Hilfe den Sterblichen –
für solche Schuld erdulde ich solche Strafe:
an den Felsen geschmiedet, in der wüsten Luft, in Ketten.
Weh mir! weh mir! weh mir! welch Laut ist dies?
Welch unsichtbarer Hauch schwebt ringsum?
Von Gott oder Mensch, oder halb göttlichem Wesen,
das diesem Felsen nahetritt,
diesem Rand der Erde, um zu sehen
mein Leid – oder zu suchen, was es auch sei?
Schaut mich: einen gebundenen, leidenden Gott,
den Feind des Zeus, den Hass derer,
die Zeuss imperiale Hallen betreten;
weil ich den Menschen allzu sehr liebte.
Weh mir! weh mir! welch Laut vernehme ich
von nahenden Vögeln!
Die Luft murmelt und singt
unter dem sanften, lichten Schlag der Flügel –
und jede Gemeinschaft ist Furcht.

Prometheus und der Chor der Okeaniden.

Chor der Okeaniden.

Fürchte nichts.
Siehe!
Diese freundliche Schar
naht auf dem schnell blitzenden Ruder der Schwingen;
doch schwerlich hätte ein solches Geschenk
von dem erlangt werden können, der die Reiche des Meeres beherrscht.
Auch mich haben die raschen Winde weit getragen.
Tief aus unsren Grotten drang der Klang des Eisens;
von meiner Wange wich die Röte der Scham,
und barfuß eilte ich auf meinem geflügelten Wagen.

Prometheus.

Weh mir! weh mir! weh mir!
Kinder der Thetis, die viele geboren hat
und die ganze Erde umschlingt
mit dem schlaflosen Meer!
Töchter des alten Okeanos,
schaut mich an, seht, wie ich hier gezwungen bin,
mit Ketten an diesen erhabenen Felsen gebunden,
eine traurige Wache zu halten.

Chor der Okeaniden.

Prometheus, ich sehe dich; doch nun
liegt eine Wolke über meinen Augen,
eine zitternde Wolke, beladen mit vielen Tränen;
wenn ich dahin blicken will, wo du,
an den Felsen gezwungen, hängst, verzehrt
von eisernen Qualen.
Denn neue Götter besitzen den Olympischen Berg,
und nach neuen Gesetzen herrscht der Sohn des Saturn;
und vergangen sind die gewaltigen Werke der früheren Zeit.

Prometheus.

O wäre ich doch unter der Erde, unter
dem Hades, dem Haus des Todes,
in den grundlosen Tartaros
so gefesselt hinabgeschleudert worden,
grausam, mit unzerreißbaren Banden!
Dann hätte weder Gott noch Mensch
sich an den Leiden des Prometheus erfreuen können;
nun aber, von jedem wehenden Wind bewegt,
erheitere—weh mir!—
ich meine Feinde.

Chor der Okeaniden.

Welcher Gott ist so hart, sich zu freuen?
Wer bleibt von deinem Schicksal unbetrübt?
Welcher Gott, außer Zeus?
Er, der stets
seine unbeugsame Seele dem Zorne leiht,
beherrscht den Himmel und wird vom Übel nicht ablassen,
bis sein Herz gesättigt ist, oder bis
durch Trug die Macht des Szepters seinem Willen entrissen wird.

Prometheus.

Ja! selbst mich, obgleich ich wahrlich
von starken Fesseln verzehrt darniederliege,
wird der Herrscher der Seligen noch benötigen—
um den neuen Ratschluss zu erfahren,
durch den er Ehre und Herrschaft verliert.
Und süße, überredende Worte wird es geben;
doch werden sie, selbst verzaubert, kein Zauber sein, der mich erweicht;
noch werden eiserne Drohungen mich jemals bewegen,
aus Furcht diesen Ratschluss zu offenbaren,
bevor er meine grausame Kette bricht
und den Preis all dieser Qualen bezahlt.

Chor der Okeaniden.

Kühn bist du, und dem bitteren Leid
weichst du nicht, sondern sprichst allzu freie Worte—
und Furcht durchbohrt und erschüttert meinen Geist!
Ich fürchte das Geschick, das dich erwartet,
ehe du das Ufer des Kummers erreichst;
denn niemand vermag den Willen
oder das Herz des Zeus zu beugen.

Prometheus.

Ich weiß, dass Zeus grausam ist;
dass er als einziges Recht seinen eigenen Willen kennt.
Doch wird er mild und nachgiebig werden,
bewegt von dem drohenden Unheil;
und seine unbezwingliche Wut besänftigend,
wird er nicht minder eilends als ich
zu Eintracht und Freundschaft gelangen.

Chor der Okeaniden.

Nimm den Schleier von allem und erzähle,
durch welche Vergehen Zeus, da er dich entdeckte,
dir solch grausame und entehrende Qual auferlegte.
Belehre uns, wenn diese Belehrung dich nicht schmerzt.

Prometheus.

Schmerzlich ist es mir, von dem Vergangenen zu sprechen;
schmerzlich, nicht zu sprechen—elend auf beide Weise!
Als einst die Götter ihren ersten Zorn begannen
und in ihren Reihen der gegenseitige Streit entstand:
die einen, begierig, Saturn vom Throne zu stoßen,
damit Zeus ihn einnehme; die andern dagegen,
entschlossen, dass Zeus niemals über die Götter herrschen solle—
da suchte ich mit weisester Rede
die Titanen zu bewegen, Kinder von Himmel und Erde;
doch es fehlte mir an Macht.
Denn meine wohlbedachte List verachtend
mit unerbittlichem Sinn,
meinten sie, ohne Mühe, durch Gewalt zu herrschen.
Oft hatte meine Mutter Themis, ja auch Gaia
(obgleich eine, trägt sie viele Namen),
mir verkündet, was künftig geschehen sollte:
dass nicht durch Stärke noch durch Gewalt, sondern durch Trug
die Sieger siegen würden.
Als ich diesen Spruch in meinen Gründen entfaltete,
würdigten sie es nicht, das Ganze zu schauen;
da schien es mir das Beste unter allem gegenwärtigen Übel,
meine Mutter auf meine Seite zu ziehen
und willig dem willigen Zeus beizustehen—
und durch meinen Rat bedeckt nun die tartarische Kluft,
in Finsternis gegründet, den alten Saturn
und mit ihm seine Verbündeten.
Der König der Götter,
so sehr durch mich begünstigt, hat mir nun
diese böse Vergeltung gezahlt;
denn in der Herrschaft wohnt von Natur
eine verderbliche Krankheit: Misstrauen gegen Freunde.
Doch was ihr verlangt, den Grund, aus dem
er mich quält, will ich euch deutlich machen.
Als er auf des Vaters Throne saß,
teilte er zuerst den verschiedenen Gottheiten
verschiedene Gaben zu und ordnete seine Herrschaft;
doch des unglücklichen Menschen achtete er nicht,
begierig, sein ganzes Geschlecht zu vertilgen
und ein anderes zu erzeugen.
Keiner wagte ihm zu widerstehen, außer mir;
ich allein, mit kühner Einmischung,
rettete den Sterblichen davor,
in den Hades zu sinken, gänzlich vertilgt zu werden.
Darum bin ich unter diese Qual gebeugt:
schmerzlich zu leiden, erbarmungswürdig zu schauen;
und ich, der den Menschen erbarmte, werde selbst
für des Erbarmens unwürdig gehalten;
und so werde ich
von der grausamen Hand des Zeus gepeinigt, ein schmachvoller Anblick!

Chor der Okeaniden.

Eisernen Herzens, aus Fels geformt,
ist, Prometheus, wer nicht klagt
über dein Leid.
Ich begehrte, es nicht zu sehen;
doch da ich es sah, ward mein Herz gequält.

Prometheus.

Ja;
für die Freunde bin ich ein bemitleidenswertes Schauspiel.

Chor der Okeaniden.

Hast du nicht auch in anderem gefehlt?

Prometheus.

Ich schlug die prophetische Sicht des Menschen mit Blindheit.

Chor der Okeaniden.

Welches Heilmittel ersannst du für ihr Gebrechen?

Prometheus.

Blinde Hoffnungen sandte ich unter sie.

Chor der Okeaniden.

Große Hilfe
hast du dadurch den Menschen gewährt.

Prometheus.

Dazu noch
verlieh ich ihnen das Geschenk des Feuers.

Chor der Okeaniden.

Und nun
besitzen die Vergänglichen das rotäugige Feuer.

Prometheus.

Durch das sie in vielen Künsten unterwiesen werden.

Chor der Okeaniden.

Für solche Vergehen straft die Hand des Zeus
und lockert nicht die Kette der Züchtigung?
Ist kein Maß bestimmt für dein Leid?

Prometheus.

Keines—keines;
außer was ihm gut dünkt.

Chor der Okeaniden.

Und wie sollte es ihm gut dünken?
Welche Hoffnung bleibt?
Siehst du nicht, dass du gefehlt hast?
Es auszusprechen bereitet mir keine Freude und mag deinen Schmerz mehren;
lass dies also, und suche deine Erlösung.

Prometheus.

Leicht ist es dem, dessen Fuß frei ist
von den Mühen des Leids, den Leidenden zu tadeln und zu beraten!
Doch all dies wusste ich.
Aus eigenem Willen—
aus eigenem Willen sündigte ich, und ich bekenne es;
und den Sterblichen helfend, traf mich selbst das Leid.
Ich meinte freilich nicht, durch solche Strafe
an die hohen Felsen geheftet zu verzehren,
diesen öden und einsamen Hügel zu bewachen.
Beklagt jedoch nicht meine gegenwärtigen Leiden;
sondern steigt hinab in die Ebene und erwartet, was kommen wird,
damit ihr das Ganze vollkommen erkennt.
Gehorcht mir, Nymphen, gehorcht mir;
teilt die Mühe
mit dem, der jetzt leidet;
denn das umherirrende Leid
setzt sich eines jeden Füßen der Reihe nach.

Chor der Okeaniden.

Nicht vergeblich ermahnst du uns, Prometheus;
und mit leichten Füßen,
meinen rasch bewegten Sitz verlassend,
die heilige Luft, den Pfad der Vögel, verlassend,
erreiche ich bald dieses Vorgebirge.
Und verlange danach, deine klägliche Geschichte zu hören.

Prometheus, Chor der Okeaniden und Okeanos.

Okeanos.

Ich komme, da mein müder Weg vollendet,
o Prometheus, zu dir;
den Flügellauf des Rosses lenkt’ ich weise,
vom Zaum ist es befreit.
Sieh, wie ich leide in deinem Leid!
Ich wähne, dass das Band des gleichen Blutes
mich treibt; doch selbst außerhalb der Sippe
vereinte ich mit keines Los
mehr Segen als mit deinem.
Du wirst die Treue meiner Seele kennen;
kein falsches Schmeicheln wohnt auf meinen Lippen.
Kann ich dir dienen, so bedrängt?
Du sollst nicht sagen, dass du je
einen festeren Freund als Okeanos gehabt.

Prometheus.

Ha! was ist dies?
Auch du kommst als Zuschauer meines Elends?
Warum hast du gewagt,
die Fluten, die deinen Namen tragen, zu verlassen,
die felsgedeckten, selbstgeborenen Grotten,
und die Erde aufzusuchen,
die Mutter dieses Eisens?
Kamst du,
um meine Qualen zu schauen und mit mir zu klagen?
Sieh dieses Schauspiel!
Mich, den Freund des Zeus—
mich, den Schöpfer seiner Herrschaft—
unter welch Marter seiner Hand ich mich beuge!

Okeanos.

Ich sehe dich, Prometheus, und möchte gern
deinem Ohr den besten Rat gewähren,
obgleich dein Geist so scharfsinnig ist.
Erkenne dich selbst
und ändre deinen Sinn, da der Himmel seinen König wechselte;
denn schleuderst du so harte Pfeilworte aus,
obgleich hoch über dir der Thron des Saturniers steht,
so mag Zeus sie hören, und all sein jetziger Zorn
wird Spiel im Strafgericht.
Unglücklicher Gott! vertreibe den Groll,
der dich erfüllt, und suche Ausweg aus diesen ringenden Schmerzen.
Denn mögen meine Worte, als alter Spruch,
dir scheinen, Prometheus—
so ist der Lohn für stolze Rede.
Du aber, in nichts gebeugt, ergibst dich nicht dem Leid
und möchtest zum jetzigen Übel künftiges fügen.
Darum, von mir belehrt, wirst du nie mehr
wider den Stachel schlagen, da du siehst, dass Zeus
grausam ist und niemandem Rechenschaft schuldig.
Nun scheide ich von dir und werde streben,
sofern ich kann, an deiner Freiheit zu wirken.
Besänftige die erregte Seele und zügle dein Wort!
Hast du nicht gelernt, du der vieles weiß,
dass Verderben auf die müßige Zunge drängt?

Prometheus.

Ich ehre dich, der ungezwungen teilhat
an meinem jetzigen Fluch und zu kommen wagt.
Nun ruhe—vergiss mich!
Du wirst ihn nicht bewegen;
unbeweglich ist er.
Vielmehr sieh auf dich selbst,
damit der Besuch meines Leids nicht seinen Zorn erwecke.

Okeanos.

Weit klüger bist du für das Wohl der andern
als für das deine; das bezeugen Taten, nicht Worte.
Zum Handeln treibst du mich, und nicht ziehst du mich zurück—
denn ich rühme mich, ja rühme mich,
dass mir die Hand des Zeus gewähren wird
das Geschenk deiner Freiheit.

Prometheus.

Wahrlich, ich lobe dich und werde dich stets loben;
denn vor keiner Güte bist du zurückgeschreckt.
Doch
mühe dich nicht um meinetwillen; vergeblich wirst du dich mühen,
was immer du auch wirkst, mir nützt es nichts.
Sei ruhig und rette dich selbst; denn nicht,
weil ich so leiden muss, begehrt mein Sinn,
dass andre mit mir leiden sollen.
Nein, in Wahrheit; auf meinem Herzen lastet
das Los des Atlas, meines Bruders, der im Westen steht
und auf der Schulter balanciert
die Säule von Himmel und Erde—
eine Last von gigantischer Kraft.
Ich habe auch gesehen
und beklagt, von stärkerer Gewalt bezwungen,
den erdgeborenen Bewohner der kilikischen Höhlen,
das streitbare Ungeheuer mit den hundert Häuptern,
den wütenden Typhon, der den Göttern trotzte,
Tod hervorzischend aus dem grausen Rachen.
Aus seinen Augen flammte furchtbarer Glanz,
als wolle er den Thron des Zeus vernichten;
doch traf ihn der schlaflose Pfeil des Zeus,
der jählings feueratmende Donnerkeil,
und schlug ihn nieder aus prahlerischer Höhe.
Bis in die Seele getroffen, ward seine Macht
versengt und vom Donner zerschmettert.
Nun liegt
ein nutzloser, maßloser Leib
am ozeanischen Engpass,
gepresst unter Ätnas Wurzeln;
auf dessen höchstem Gipfel Hephaistos sitzt
und sein Eisen schlägt; von wo hervorbrechen
Feuerströme, die mit wilden Kiefern nagen
an den weiten, schönen Fluren des fruchtbaren Siziliens.
Solch Zorn brodelt noch aus Typhon hervor, in Geschossen
heiß, unnahbar, des feurigen Sturms,
obgleich vom Blitz des Zeus zu Asche verbrannt.
Du aber besitzt Weisheit und bedarfst nicht
meiner Lehre: rette dich durch dein Wissen.
Ich trinke diesen Kelch des gegenwärtigen Geschicks,
bis der Geist des Zeus Atem schöpft vom Rachewüten.

Okeanos.

Weißt du denn nicht, Prometheus,
dass Worte Arznei sind gegen das Übel des Zorns?

Prometheus.

Ja; wenn sie zur rechten Zeit das Herz besänftigen
und nicht die Geschwülste der Seele versengen.

Okeanos.

Für den, der weise denkt und edel handelt,
siehst du da eingeborne Strafe?
Belehre mich.

Prometheus.

Überflüssige Mühe—leere Torheit!

Okeanos.

Doch lass mich unter dieser Krankheit
der Torheit hinsinken, da es frommt, dass der Weise
unweise erscheine.

Prometheus.

Dies wird mir als Schuld erscheinen.

Okeanos.

In Wahrheit treibt mich dein Rat zur Heimkehr.

Prometheus.

Dass nicht mein Wehklagen dich in Zorn versetze.

Okeanos.

In den Zorn dessen, der jüngst den allgewaltigen
Sitz bestiegen?

Prometheus.

Hüte dich, ihn zu reizen.

Okeanos.

O Prometheus, dein Geschick
soll mir zum Lehrer werden.

Prometheus.

Geh; scheide und bewahre
deine jetzige Klugheit.

Okeanos.

Mich treibt es fort;
denn nun schlägt mein geflügeltes Ross mit den Schwingen
die weite Fläche des Äthers, und gern
würde es kauern in seiner ozeanischen Grotte.

Chor der Okeaniden. Strophe 1.

Ich klage dein zerstörtes Geschick,
o Prometheus! Aus meinen zarten Augen
bricht ein tränenströmender Quell hervor,
der mit feuchtem Tau die Wange benetzt;
denn der Saturnier, noch immer grausam,
nach eigenem Willen herrschend,
trägt das königliche Szepter,
Umstürzer der Götter, die einst waren.

Chor der Okeaniden. Antistrophe 1.

Dieses ganze Land, von weiter Ausdehnung,
seufzt tief und beklagt
die Züchtigung deiner Brüder und die deine,
unwürdig eines alten Geschlechts.
Und alle Sterblichen, die wohnen
auf Asiens heiliger Nachbarsflur,
trauern mit dir, der du liegst
in einem Leid, das Seufzen fordert.

Chor der Okeaniden. Strophe 2.

Auch die Bewohner des kolchischen Landes;
die Jungfrauen, die unbewegten Sinnes
im Krieg bestehen; und die Schar der Skythen,
die den Rand der Erde sich zur Heimat wählt,
rings um den meotischen See.

Chor der Okeaniden. Antistrophe 2.

Und Arabiens kriegerische Krone;
jene, die wohnen in der Stadt
hochgezinnter Türme, nahe
dem Kaukasus — ein furchtbares Geschlecht,
donnernd mit der gespitzten Lanze.

Chor der Okeaniden: Epode.

Nur einen andern Titan sah ich noch,
in eherner Trauer von Göttern bezwungen:
Atlas, der mit ewig überragender Kraft
stöhnt unter der Last
des überhimmlischen Pols.
Um ihn wälzen die Meeresfluten klagend sich fort,
und irdische Höhlen stoßen tiefere Seufzer aus;
die dunklen Schlupfwinkel des Hades geben Antwort;
und Quellen, aus denen die klaren Ströme entspringen,
murmeln ein mitleidiges Weh.

Prometheus.

Wähne nicht, dass Trägheit oder Übermut
mich so zum Schweigen bringt; ich nage an meinem Herzen
mit Gedanken, da ich die geschändete Gestalt betrachte.
Doch diesen neu gekrönten Göttern — welche Hand,
wenn nicht diese Hand, verlieh die Gaben der Herrschaft?
Davon schweige ich; denn ich spräche
zu euch, die es bereits wissen.
Hört vielmehr,
welche Taten ich wider den Menschen beging;
wie ich ihn aus dumpfem Zustand weise machte
und des Geistes teilhaftig.
Ohne ihn in irgendetwas zu schelten,
doch um die Wohltat meiner Gaben klarzulegen,
will ich sie schildern.
In alter Zeit
sahen die Menschen, doch vergeblich, und hörten nicht
beim Hören; gleich Traumbildern
vermengten sie lange alles in wirrer Verwirrung.
Sie wussten nicht, mit gedeckten Dächern der Sonne zu wehren,
kannten kein Werk des Holzes; vielmehr unter der Erde
hausten sie wie klägliche Ameisen in lichtlosen Höhlen.
Kein sicheres Zeichen des Winters leuchtete ihnen,
noch der blumigen Frühling, noch der fruchtbare Sommer;
alles verrichteten sie ohne Einsicht —
bis ich ihnen zeigte das Aufgehen der Gestirne
und ihr geheimnisvolles Untergehen.
Ja, ich erfand
die Zahl — hohe Kunst! — und die Fügung der Schriftzeichen,
und das Gedächtnis, den Wirker aller Dinge,
die Mutter der Musen; ich zuerst
legte gezähmte Tiere in passende Joche,
Stellvertreter des Menschen in schwerster Mühe;
ich führte zügelliebende Rosse an den Wagen,
den Stolz des goldreichen Luxus;
und keiner außer mir ersann die leinenbeflügelten,
meerfahrenden Schiffe, auf denen die Seefahrer reiten.
Nun aber, ich Unglücklicher, der solche Künste schuf
für den sterblichen Menschen, habe selbst kein Mittel,
wodurch ich meinem gegenwärtigen Weh entkäme.

Chor der Okeaniden.

Unziemliche Strafe hast du erduldet,
vom Irrtum rasend gemacht; und wie ein unkundiger Arzt,
der selbst erkrankt, gibst du dich der Verzweiflung hin
und findest unter deinen Heilmitteln nicht das rechte.

Prometheus.

Noch mehr wirst du staunen, wenn du das Übrige hörst,
von den Künsten und Ordnungen, die ich ersann;
die größte ist diese.
Einst, wenn einer krank war,
gab es keine Hilfe, keine Speise, kein Getränk,
noch Salbe; vielmehr lagen die Menschen erschöpft
aus Mangel an Arzneien, bis ich ihnen kundtat
die Mischungen sanfter Heilmittel,
durch die alle Krankheiten abgewehrt wurden.
Auch der Weissagung viele Regeln setzte ich fest,
und zuerst entschied ich, welche Träume das Zeichen
der Offenbarung tragen; ich lehrte sie Vorzeichen,
schwer zu unterscheiden; bestimmte ferner
Wegzeichen und den Flug der krummklauigen Vögel;
welche von Natur glückverheißend sind,
welche widrig, und die Nahrung eines jeden;
wie unter ihnen wechselseitig
Liebe, Gemeinschaft und Feindschaft bestehen;
die Leichtigkeit der Eingeweide und welchen Farbton
sie tragen, um den Göttern Freude zu bereiten —
die schöne Mannigfalt von Lunge und Leber —
und nachdem ich fettbedeckte Glieder und Lenden verbrannt,
führte ich hin zu einer zusammengesetzten Kunst
und machte die feurigen Zeichen klar, zuvor dunkel.
Genug davon!
Was unter dem Schoß der Erde liegt,
die Hilfen des Menschen:
Gold, Silber, Eisen, Erz — wer kann sagen,
er habe sie gefunden, ehe meine Weisheit sie fand? Niemand,
dessen bin ich gewiss, es sei denn, er wähle eitel
die Rolle des Prahlers.
Lernt in Kürze das Ganze:
Alle Wissenschaft kam den Sterblichen von Prometheus!

Chor der Okeaniden.

Sieh zu, dass du nicht unziemlich den Sterblichen hilfst
und dabei dein eigenes trauriges Selbst vergisst.
Ich wenigstens
hege gute Hoffnung, dass du, den Ketten entronnen,
Macht anlegen wirst, allgewaltig wie die des Zeus.

Prometheus.

Noch nicht — nicht so vollendet das Schicksal, der Vollstrecker,
dies alles; erst nachdem ich mich gebeugt
unter zahllosen Mühen und Leiden,
entkomme ich der Kette.
Weit schwächer als die Notwendigkeit ist die Kunst.

Chor der Okeaniden.

Wer hält das Steuer jener Notwendigkeit?

Prometheus.

Die dreifachen Moiren
und die unvergesslichen Erinnyen.

Chor der Okeaniden.

Ist Zeus weniger unbedingt als diese?

Prometheus.

Ja;
und darum kann er dem Verhängten nicht entgehen.

Chor der Okeaniden.

Was ist Zeus bestimmt, wenn nicht zu herrschen?

Prometheus.

Du darfst es nicht hören; frage mich nicht weiter.

Chor der Okeaniden.

Ist das, was du in Geheimnis hüllst,
von heiliger Bedeutung?

Prometheus.

Gedenke: nicht die Stunde ist es zu sprechen,
sondern streng zu verhüllen; denn indem ich dies bewahre,
entgehe ich der Qual und der Schmach der Fessel.

Chor der Okeaniden. Strophe 1.

O möge niemals allgewaltiger Zeus
seinen Willen meinem Begehren entgegensetzen!
Noch möge ich je beim Opferfeuer,
stierverzehrend, geweiht
am unsterblichen Strom meines Vaters,
aufhören, gottwärts zu schreiten!
Noch möge meine Lippe je sich in Hochmut vergehen!
Vielmehr möge dieser Entschluss stets bestehen
und niemals an seiner Quelle versiegen.

Chor der Okeaniden. Antistrophe 1.

Süß ist es, das Leben zu verlängern
mit Hoffnungen, die kein Zweifel verdunkelt;
die Seele dabei bereichert
mit Freuden von goldenem Lächeln.
Doch Titan, bebend erblicke ich dich,
wenn tausend Leiden dich umschlingen
mit zermalmender Gewalt; weil
du vor den Gesetzen des Zeus nicht gezittert
und mit unbeugsamem Sinn
zu viel Heil dem Menschengeschlecht geschenkt.

Chor der Okeaniden. Strophe 2.

Sieh! all deine Gaben brachten dir nichts.
Wo ist deine Hilfe, Geliebter, sprich?
Welche Hilfe von Menschen, die nur einen Tag währen?
Siehst du nicht die Schwäche,
langsam, wie ein Trugbild,
durch die das verblendete Geschlecht der Sterblichen gebunden ist?
Der Rat des Menschen steigt niemals hinauf
über die festbeschlossene Ordnung des Zeus.

Chor der Okeaniden. Antistrophe 2.

Prometheus, dies habe ich gelernt,
da ich dein zerstörtes Geschick betrachtete:
ganz anders als jenes Lied,
das noch kürzlich seine Flügel schwang
auf meinen Lippen;
das ich süß rings um die Bäder sang,
deine Hochzeitsstunde preisend,
als du, durch die Macht deiner Gaben werbend,
Hermione, unsere junge Schwester, heimführtest.

Prometheus, Chor der Okeaniden und Io.

Io.

Welch Land? welch Volk? und wer bist du,
das Wesen, das ich schaue,
im Sturm an Fels und Kette festgebannt?
Für welches Vergehen trägst du
solch Strafgericht? O sage mir:
wohin bin ich, die Elende, verirrt—wohin?
Ach mir! ach mir! ach mir!
Wieder spornt die Bremse mich, das unglücksel’ge Mädchen!
O Erde, wehre dem Schatten Argos’, erdgeboren!
Ich fürchte, daß mein Auge falle
auf ihn, den Tausendäugigen,
den Hüter, der mit list’gem Blick umhergeht;
den, obgleich tot, das Grab nicht bergen konnte;
der aus den Schatten tretend mich verfolgt
und mich, vom Hunger matt, umherjagt
am sandumgürteten Meer;
indes mit wächserner Rohrpfeif’ er erklingen läßt
ein Lied, das Schlaf gebiert.
O Weh! o Weh!
Wohin, ihr Götter, lenkt ihr meine weiten Irrfahrten?
Für welche Schuld, Zeus, welche aufgedeckte Schuld,
jochest du mich so an Leiden,
und verurteilst mich zu stechender Furcht,
elend und rasend? O verzehre mich im Feuer!
Verbirg mich unter Erde, wirf den Leib den Tieren hin!
Verschmäh mein Flehen nicht, o König!
Zu viele Wandrungen drückten meine Kraft,
und nicht weiß ich, wo Ruhe mir beschieden sei.

Chor der Okeaniden.

Was spricht die gehörnte Jungfrau? hörst du’s?

Prometheus.

Wie sollte ich nicht hören die vom Stachel gepeitschte Maid,
Inachos’ Tochter, die mit Liebe wärmte
Saturnius’ Brust und nun, von Junos Haß,
gezwungen ist, die stets sich längenden Wege zu gehn?

Io.

Woher nennst du meines Vaters Namen?
Sag mir, der Leidenden—wer bist du,
o Elender, der mir so wahre Rede zollt
in meiner wahren Not?
Du nennst das von Zeus gesandte Übel,
das mit wütendem Stachel meine Kraft darniederschlägt;
und von den hungrigen Geißeln, deren Sprung
mich rasend trieb auf diesen Pfad.
Von Junos listigem Zorn bezwungen?
Wer, ach, von Leid Erfahrenen
ist so betrübt wie ich?
Doch sage nun, welches Leiden mich erwartet, offen;
und welches, o welches, die Arznei meines Wehs.
Sprich zur irrenden Maid, wenn du etwas weißt.

Prometheus.

Und offen will ich sprechen, was du begehrst;
kein heimlich Sinngewebe, sondern Worte
schlicht, wie Freund zu Freund sich ziemt.
Du siehst Prometheus, der den Sterblichen Feuer gab.

Io.

O allgemeine Hilfe der Sterblichen!
Trauriger Titan! warum leidest du so?

Prometheus.

Kaum hab’ ich aufgehört, mein Leid zu klagen.

Io.

Und darum willst du mir die Bitte nicht gewähren?

Prometheus.

Sag, was du fragst:
du sollst das Ganze hören.

Io.

Erkläre, wer dich wider diesen Felsen bannte.

Prometheus.

Zeus’ Ratschluß, Hephaistos’ Hand.

Io.

Und für welche Schuld
trägst du solches Strafgericht?

Prometheus.

Dir sei genug,
was ich soeben kundtat.

Io.

Ja; doch außerdem,
mir, der unglücklichen Maid, zeige die Zeit,
die Grenze meines Umherirrens.

Prometheus.

Besser, nicht zu lernen, als dies zu lernen.

Io.

Verbirg mir nicht, was ich erleiden soll.

Prometheus.

Nicht daß ich die Gunst versage.

Io.

Warum denn
zögerst du, mir alles zu sagen?

Prometheus.

Nicht aus Mißgunst;
doch fürcht’ ich, dein Herz zu zerreißen.

Io.

Sei nicht
sorglicher um mich, als mir lieb ist.

Prometheus.

Da du es begehrst, will ich reden.
So höre denn.

Chor der Okeaniden.

Nein; laß auch mich teilhaftig sein der Gabe.
Zuerst möchten wir ihr Leiden wissen,
von ihr selbst erzählt;
dann, welche Mühen noch verbleiben,
von dir verkündet.

Prometheus.

Io, es ziemt dir, der Bitte dieser Nymphen zu willfahren,
zumal sie deines Vaters Schwestern sind;
denn Klagen und Weinen des eigenen Geschicks,
wo man Tränen lockt aus Hörenden,
ist wohl belohnte Arbeit.

Io.

Ich weiß nicht, warum ich euch mißtrauen sollte, Nymphen;
und alles, was ihr wissen wollt, will ich entfalten
in klarster Rede; wiewohl selbst im Sprechen
vom Zeus-getriebenen Sturm
und der Verderbnis meiner Menschengestalt
die Ursache, die mich traf, die Seele erschüttert.
Denn nächtliche Träume, stets verweilend
in meiner jungfräulichen Kammer, betörten mich
mit honigsüßen Worten:— »O selige, selige Maid,
warum so lange unvermählt, da dir
die edelste Verbindung winkt?
Denn Zeus verzehrt sich in pfeilhaftem Liebesbrand
und dürstet, dich zu gewinnen; verschmähe nicht, o Maid,
die Gelübde des Zeus; geh zur Ebene von Lerna,
reich an Weiden und Rinderställen deines Vaters,
daß Saturnius’ Auge die Liebe lösche.«
Weh mir! Nacht um Nacht war ich gezwungen
durch solche Bilder, bis ich es wagte,
dem Vater den nachtbedrängenden Traum zu sagen.
Er sandte nach Pytho und zu Dodonas
weisen Sehern, um zu erfahren,
wie er durch Tat oder Wort den Göttern gefalle—
doch kehrten die Boten zurück mit
mannigfachen, dunklen, geheimnisvollen Orakeln.
Endlich kam eine eindeutige Antwort an Inachos,
die ihn drängte und ermahnte,
mich aus Haus und Heimat zu verstoßen,
damit ich verlassen umherirre
bis an der Erde äußersten Rand; verweigere er’s,
drohte ein feueräugiger Blitz
von Zeus, sein Geschlecht zu vertilgen.
Von den loxischen Sprüchen überzeugt,
trieb er mich fort und verschloß mir das Haus—
er ungern, ich ungern; doch Zeus’ zwingender Zaum
nötigte ihn zur Tat.
Sogleich
wurden meine menschliche Gestalt und mein Sinn verkehrt;
und gehörnt, wie ihr seht, und gepeitscht
vom scharfen Insekt, sprang ich rasend
zur lieblichen Woge von Kenchreai
und zu Lerna’s Höhe.
Der erdgeborene Hüter,
Argos, unüberwindlich an Wacht, verfolgte mich,
mit Myriaden Augen meine Spur verfolgend.
Ihn beraubte ein unerwartetes, jähes Geschick des Lebens;
mich aber treibt, von göttlicher Geißel,
rasend von Land zu Land.
Du hörst, was war.
Was an Leiden kommt,
o sage, wenn du etwas weißt;
und schmeichle mir nicht aus Mitleid mit trügerischen Worten;
denn die niedrigste Schuld nenn’ ich Betrug.

Chor der Okeaniden.

Halt, o halt!
Ach! ach!
Ich meinte nicht, daß solche Rede
mein Ohr erreiche;
noch daß so seltsame Bilder von Gram und Furcht,
so traurig zu schauen und schwer zu ertragen,
mit doppelter Schneide die Seele durchbohren.
Schicksal! Schicksal! Ich erbebe, da ich Ios Weh erblicke.

Prometheus.

Zu früh erhebst du Klage, und voll bist du von Furcht;
zügle dein Herz, bis du das Übrige vernommen hast.

Chor der Okeaniden.

Sprich, lehre!
Denn für die Leidenden liegt ein Zauber darin,
ihr künftiges Leid unverhüllt zu schauen.

Prometheus.

Die frühere Gunst erlangtet ihr von mir
leicht; denn ihr begehrtet, ihre Leiden zu erfahren,
von ihr selbst erzählt.
Nun hört das Weitere—
welch künftiges Weh es notwendig ist,
daß diese junge Maid von Juno erdulde.
Und du, Io, wälze meine Worte im Gemüt,
damit du lernest, wo dein Wandern endet.
Zuerst, von diesem Ort dem aufgehenden Sonnenlauf zu,
lenke deine Schritte und durchziehe unbebaute Lande;
du wirst die skythischen Scharen erreichen, die hoch wohnen,
unter geflochtenen Dächern, auf rollenden Wagen,
bewaffnet mit weithinschießenden Bogen: ihnen nahe dich nicht;
sondern wende deine Schritte zur felsigen Küste,
vom Meere widerhallend, und verlaß ihr Gebiet.
Zur Linken wohnen die Chalyber,
Arbeiter in Eisenminen; hüte dich vor ihnen,
denn ungebärdig sind sie und nicht hold den Fremden;
und du gelangst an den Hybristes, wohlbenannten Strom;
versuche ihn nicht zu überschreiten—hart ist der Übergang—
ehe du zum Kaukasus kommst, der Berge
der erhabenste, von dessen Gipfel
der Fluß seine Gewalt ergießt; und hast du erstiegen
seinen sternbegegnenden Scheitel, so ziehe
auf südlichem Wege dahin, bis du erreichst
die Amazonenscharen, männerfeindlich,
die jetzt Themiscyra bewohnen, rings
um den Lauf des Thermodon, wo Salmydessos liegt,
der eiserne Schlund des Ozeans, erbarmungslos
den Seefahrern, die Stiefmutter der Schiffe.
Sie werden dich mit freudigem Sinn geleiten;
und an den engen Pforten des Sees wirst du finden
den kimmerischen Isthmus, den du verlassen mußt,
um die meotische Meerenge zu durchqueren;
und unter den Menschen wird immerdar großer Ruhm
deinen Durchzug bezeichnen, daher man ihn Bosporos
nennen wird: verlassend Europas Ebene,
wirst du mit deinen Füßen auf Asiens Boden stehn.
Und meint ihr, daß der Tyrann der Götter
in allem gleich unerbittlich sei?
Er,
ein Gott, der nach Vereinigung mit dieser Sterblichen begehrt,
hat sie mit dem Fluch des Umherirrens geschlagen.
Ach, Maid! einen grausamen Gatten hast du gefunden;
denn all die Worte, die du soeben hörtest,
sind noch nicht einmal ihr Vorspiel.

Io.

Weh! Weh! Weh!

Prometheus.

Auch jetzt rufst du aus und stöhnst!
Wie wirst du es ertragen,
wenn du die übrigen Leiden vernehmen wirst?

Io.

Kannst du mir noch ein verbleibendes Leid nennen?

Prometheus.

Ein sturmbewegtes Meer schicksalsschweren Wehs.

Io.

Was nützt mir dann das Leben?
Warum nicht
mich kopfüber von diesem starren Felsen stürzen,
daß ich, zerschmettert in der Ebene, befreit sei
von all meinem Jammer?
Besser einmal zu sterben,
als elend zu leiden all meine Tage.

Prometheus.

Als schwere Last würdest du meine Qualen finden,
du, der die Moiren den Tod nicht bestimmt haben;
denn der Tod hätte Fessel und Leid gelöst;
doch jetzt liegt vor meinem Blick kein Ende
der Pein—eh Zeus vom Reiche stürzt.

Io.

Doch kann Zeus jemals aus der Herrschaft fallen?

Prometheus.

Du würdest dich, wie ich meine, freuen, dies zu sehen.

Io.

Warum sollte ich es nicht, da ich Übel von Zeus erleide?

Prometheus.

So wisse denn: es wird so geschehen.

Io.

Durch wen
wird er seines kaiserlichen Szepters beraubt?

Prometheus.

Er selbst wird es tun, durch seinen schwachen Rat.

Io.

Doch wie?
Enthülle es—wenn du es unversehrt vermagst.

Prometheus.

Ein Ehebündnis wird er schließen,
dessen er hernach bereuen wird.

Io.

Göttlich oder menschlich?
Ist es auszusprechen, so sprich.

Prometheus.

Und warum
sollte ich bestimmen, welches?
Es ziemt sich nicht,
daß solches ausgesprochen werde.

Io.

Wird er also
durch seine Gattin vom Throne gestürzt?

Prometheus.

Deren Sohn dem Vater überlegen sein wird.

Io.

Gibt es keinen Zufluchtsort für ihn vor diesem Schicksal?

Prometheus.

Keinen, bis ich von den Fesseln befreit bin.

Io.

Und wer wird dich befreien, wenn Zeus es nicht will?

Prometheus.

Das Schicksal hat einen bestimmt, der von dir abstammt.

Io.

Wie sagst du?
Wird mein Sohn dich erlösen?

Prometheus.

Der dritte im Geschlecht nach zehn.

Io.

Die Weissagung ist noch dunkel.

Prometheus.

Und trachte nicht danach,
deine eigenen Leiden zu erkennen.

Io.

Da du mir einen Vorteil vor Augen gestellt hast,
beraube mich nun nicht seiner.

Prometheus.

Von zwei Reden will ich dir eine gewähren.

Io.

Welche zwei?
Erkläre;
und überlaß mir die Wahl.

Prometheus.

Ich überlasse sie dir. Wähle:
daß ich klar benenne deine künftigen Leiden,
oder meinen Erlöser.

Chor der Okeaniden.

Gewähre ihr eine Gnade und mir eine;
entehre nicht unsere gemeinsamen Bitten;
ihr erzähle ihr künftiges Umherirren;
mir, wer der Erlöser sein wird.
Dies begehre ich.

Prometheus.

Da ihr es begehrt, will ich nicht widerstreben,
sondern alles verkünden, was ihr verlangt.
Io, dir zuerst
will ich die mannigfachen Irrfahrten enthüllen,
die du im Gedächtnisbuche deiner Seele
selbst sollst einschreiben.
Wenn einst dein Schritt überschritten hat
die Meerenge, die Grenze der Erdteile,
dem feueräugigen, sonnenspürenden Osten zu,
trotzend dem mächtigen Brausen des Ozeans, bis
du gelangst zu den gorgonischen Fluren von Cisthene,
wo die Phorkyden wohnen, drei uralte Jungfrauen,
schwanengestaltig, eines gemeinsamen Auges
und eines einzigen Zahnes teilhaftig;
auf die niemals blickt
die strahlenreiche Sonne noch der nächtliche Mond.
Und nahe bei ihnen sind ihre drei geflügelten Schwestern,
die Gorgonen, schlanghaarig, dem Menschen verhaßt,
die kein Sterblicher schauen kann und leben;
vor diesen warne ich dich; doch höre nun
auf ein anderes düsteres Gesicht.
Hüte dich vor den scharfmäuligen, stummen Hunden des Zeus,
den Greifen; und vor dem Heere der Arimaspen,
einäugig, pferdebeherrschend, die wohnen bei
der goldsprudelnden Woge des Stromes des Pluto;
nahe dich ihnen nicht.
In fernes Land
gelangst du, zu dunkler Völkerschaft, die weilt bei
der Quelle der Sonne, wo der Niger fließt.
Winde dich an seinen Ufern entlang, bis du erreichst
zerklüfteten Grund, wo aus den Hügeln von Biblina
der Nil seine heilige, liebliche Flut ergießt.
Er wird dich führen in das nilotische Land,
dreieckig geformt, worauf langen Aufenthalt
das Schicksal für dich und deine Söhne bestimmt hat.
Wenn ich etwas dunkel rede oder verworren,
so frage erneut, mach dein Wissen klar:
siehe, mir ist mehr Muße beschieden, als ich begehre.

Chor der Okeaniden.

Wenn du noch etwas Übriges sagen kannst,
oder etwas Versäumtes von ihren zehrenden Leiden,
so sprich; ist aber nun alles offenbart,
so gewähre uns die erflehte Gnade, die du wohl kennst.

Prometheus.

Ihr Ohr hat die äußerste Grenze ihres Wanderns vernommen;
und damit sie wisse, daß sie nicht vergebens gehört hat,
will ich auch ihre bereits erduldeten Mühen verkünden,
dies als Zeugnis meiner Weissagungen.
Der vielen Worte enthalte ich mich und suche
den Ursprung, von dem ihr Wandern zuerst begann;
denn du irrtest zu den molossischen Ebenen,
um das erhabene Dodona, wo weilen
Sitz und Orakel des Zeus von Thesprotien;
und – ein unglaubliches Zeichen! – die prophetischen Eichen,
durch die du ohne Rätsel, klar und deutlich,
begrüßt wurdest als die, die bestimmt sei,
die ruhmreiche Braut des Zeus zu werden – wenn dich dieser Name erfreut!
Von dort, getrieben, stürmtest du dahin
den Pfad am Meere entlang zur mächtigen Bucht der Rhea,
von wo du wieder rückwärts in die Irrfahrt gestoßen wurdest;
und es wird eine Zeit kommen, da jener Meereswinkel,
wisse es gewiß, Ionisch genannt wird,
zum Gedächtnis für alle Menschen deiner Schritte.
Dir sind diese Worte Zeichen meines Sinnes,
wie er weiter blickt als das Sichtbare;
doch euch beiden, dir und ihnen, will ich gemeinsam
das Übrige verkünden, der gleichen Spur folgend
wie zuvor.
Es gibt eine Stadt, Kanobos,
Grenze der Erde, an Mündung und Ufern des Nils.
Dort wird Zeus dir den vollen Verstand zurückgeben,
indem er in deiner Einsamkeit
eine furchtlose Hand auf dich legt; und benannt nach
dieser heilenden Berührung wirst du einen Sohn
dem Zeus gebären, den dunklen Epaphos, der Frucht ernten wird
von jedem Boden, den der strömende Nil benetzt.
Doch von den Geschlechtern nach ihm
wird das fünfte an der Zahl, fünfzig Jungfrauen,
wider Willen wieder nach Argos zurückkehren,
fliehend die Ehen mit den Söhnen ihres Oheims.
Sie, leidenschaftlich im Herzen, wie Habichte
die Tauben dicht verfolgen, werden Beute jagen,
die sie nicht jagen sollten – doch der Himmel wird ihren Willen hemmen –
und Griechenland wird sie aufnehmen, bezwungen
durch Frauenkrieg, durch nächtlich wachsame Tapferkeit;
denn jede Gattin wird ihren Gatten töten,
badend im Blut das zweischneidige Schwert –
möchten solche Hochzeiten meine Feinde schmücken!
Eine einzige Jungfrau wird, vom Liebesband erweicht,
ihren Gatten verschonen; ihr Vorsatz wird stumpf,
von zweien eines wählend; lieber ohne Ruhm
an Tapferkeit zu sein, als sich mit Blut zu beflecken;
und sie wird in jenem Lande königliches Geschlecht gebären.
Lange Rede wäre nötig, dies alles
klar zu erzählen.
Genug, daß aus solchem Samen entspringen wird
der Kühne, der durch den Bogen Ausgezeichnete, jener
der mein Befreier sein wird; denn so
hat auch meine uralte Mutter Themis geweissagt.
Das Wie und Warum verlangte längere Rede
zu erklären; doch selbst wissend, würdest du keinen Nutzen haben.

Io.

Weh mir! weh mir!
Brand und Wahnsinn
die meine Seele treffen, lodern;
der feurige Stachel bohrt sich ein;
mein pochendes Herz sprengt mir die Brust.
Ringsum wirbeln mir die Augen,
und meine Schritte schwanken vom Wege ab,
vom Sturm der Raserei zum Lauf getrieben;
meine Zunge ist ohne Zügel gelöst,
und schlägt vergebens trübe Worte
an den düsteren Ozean der Ate.

Prometheus und der Chor der Okeaniden.

Chor der Okeaniden. Strophe.

Weise war, wer dies zuerst erwog
Und es mit seiner Zunge sprach:
Daß weit beglückender die Ehe sei,
Unter Gleichen geschlossen:
Daß nie der Arme liebend sich verbinde
Mit jenen, die der Luxus schon verdarb,
Noch mit den Hochgebornen von Rang und Stand.

Chor der Okeaniden. Antistrophe.

Nimmer, o Parzen, möget ihr mich sehen
Als die vermählte Gattin des Zeus!
Und nimmer werbe um mich ein Bräutigam
Von denen, die dort oben wohnen!
Denn ich erschrecke, wenn ich spät bedenke
Iós jungfräulichen, dem Bunde feindlichen Stand,
Von Juno gequält in rastlos wanderndem Los.

Chor der Okeaniden: Epode (Okeanide).

Gleiche Verbindungen fürcht’ ich nicht.
Nimmer doch
Mögen die Augen der mächtigsten Götter,
Denen zu entfliehen mir unmöglich ist,
Ihre Liebe auf mich schleudern!
Unstillbar ist der Streit, ungangbar der Pfad!
Ich weiß nicht, was aus mir werden soll; ich sehe nicht,
Wie ich Saturnius’ Ratschluß je entginge.

Prometheus.

Und dennoch, obgleich fest in seinem Sinn,
Wird Zeus erlahmen.
Eine Ehe bereitet er,
Deren Vollzug ihn, der Macht beraubt,
Vom Sitz der Herrschaft stürzen wird; so soll der Fluch Saturns
Bis auf den kleinsten Buchstaben erfüllt werden,
Den er ausstieß, da er vom alten Throne fiel.
Zeus kann kein Gott ein Obdach zeigen
Gegen das Unheil, außer mir:
Ich kenne die Zuflucht und den Weg.
Und nun
Mag er kühn fortregieren, im Vertrauen
Auf das überhimmlische Dröhnen, schwingend
In beiden Händen den Pfeil des feurigen Hauchs;
Nichts wird ihm helfen, daß er nicht falle—
Er fällt, beschämt, ein unerträglicher Fall.
Denn selbst wider sich selbst bereitet er
Einen Feind, ein unwiderstehliches Zeichen—
Er ersinnt ein Feuer, das den Blitz überflammt,
Und einen Schall, der den Donner übertönt,
Und zerschmettert Neptuns alten Dreizack,
Die ozeanische Plage, die die Erde erschüttert!
Ja! Von diesem Übel getroffen, wird Zeus lernen,
Welcher Unterschied zwischen König und Knecht besteht.

Chor der Okeaniden.

Wahrlich, du drohst Zeus
Mit dem, was du selbst begehrst.

Prometheus.

Mit dem, was ich begehre, und auch mit dem, was sein wird.

Chor der Okeaniden.

Und sollen wir auf einen warten, der Zeus bezwingt?

Prometheus.

Diese Ketten wiegen leichter
Als der künftige Schmerz, der ihn erwartet.

Chor der Okeaniden.

Fürchtest du nicht, solch kühne Worte auszustoßen?

Prometheus.

Was sollte ich fürchten, der nicht sterben kann?

Chor der Okeaniden.

Doch er
Kann dich mit Leid heimsuchen, schrecklicher als der Tod.

Prometheus.

Was immer sich vollenden kann, das weiß ich voraus.

Chor der Okeaniden.

Weise sind die Verehrer der Adrastia.

Prometheus.

Fürchtet, verehrt, schmeichelt—wer immer herrscht!
Mir ist euer herrschender Zeus weniger als nichts.
Er handle, er herrsche noch kurze Zeit,
Wie es ihm beliebt: lange wird er uns nicht regieren.
Doch seht! Ich erblicke den Boten des Zeus—
Den knechtischen Handlanger des neugekrönten Tyrannen:
Zweifellos kommt er, um Neues zu verkünden.

Prometheus, Chor der Okeaniden und Hermes.

Hermes.

Dich, Sophist, der du in Bitterkeit dahinlebst,
In bittern Qualen; dich, Verbrecher an den Göttern,
Der Menschen Freund und Dieb des Feuers;
Dich grüß’ ich!
Unser Vater gebietet dir,
Zu künden, welche Ehe deinen Stolz bewegt,
Durch die er aus des Reiches Throne stürzt;
Und dies nicht dunkel, nein, in allem
Mit voller Klarheit offenbare; wirf mir nicht, Titan,
Dein zwiefach Gleis vor Augen.
Du magst wohl merken, dass Zeus
Durch solche List nicht zu besänftigen ist.

Prometheus.

Erhaben sind deine Worte, voll von Weisheit,
Wie es dem Knecht der Götter ziemt.
Neue Götter seid ihr, neu im Regiment, und wähnt fürwahr,
In uneinnehmbaren Burgen zu wohnen.
Hab’ ich nicht zwei Tyrannen schon von dort gestürzt gesehen?
Ja! und den dritten, den jetzigen König, werd’ ich schauen,
Schmachvoll und schnell.
Scheine ich denn
Zu zagen und zu beben vor den neuen Göttern?
Fern sei dies meinem Sinn!
Du aber,
Auf dem Pfad, den du gekommen bist, eile zurück;
Denn nichts von dem, was du begehrst, wirst du vernehmen.

Hermes.

Und doch hast du einst durch solche Kühnheit
Dich selbst in dieses Elend gestoßen.

Prometheus.

Nicht tauschte ich — das magst du von mir wissen —
Mein Leidenslos für deines Knechtschaftsstand.
Besser, so dünkt mich, diesem Felsen dienen,
Als treuer Bote des Vaters Zeus zu sein.
So zahlen wir den Spöttern ihren Spott zurück.

Hermes.

Du scheinst dich dieses Zustands zu rühmen.

Prometheus.

Mich rühmen?
O säh’ ich meine Feinde also prangen!
Und unter ihnen nenn’ ich dich.

Hermes.

Auch mich beschuldigst du in etwas
Deines Missgeschicks?

Prometheus.

Mit einem Wort: ich hasse
Die allumfassenden Götter, die mir frevelhaft,
Für all mein Wohl, mit Undank lohnten.

Hermes.

Ich höre dich in wilder Raserei toben.

Prometheus.

Ist es Wahnsinn, meine Feinde zu verabscheuen,
So sei ich wahnsinnig!

Hermes.

Wärest du glücklich,
So wärest du unerträglich.

Prometheus.

Weh!

Hermes.

Zeus kennt dies Wort nicht.

Prometheus.

Die reifende Zeit
Lehrt alle Dinge.

Hermes.

Doch Weisheit hast du nicht gelernt.

Prometheus.

Keine — da ich mit einem Knecht wie dir verkehre.

Hermes.

Von allem, was unser Vater fordert, sprichst du nichts.

Prometheus.

Fürwahr, ihm schulde ich Dank!

Hermes.

Du höhnst mich, als wär’ ich ein Kind.

Prometheus.

Kein Kind bist du, doch schwächer als ein Kind,
Wenn du von mir zu erlangen etwas hoffst.
Denn weder Züchtigung noch Kunstgriff ist,
Wodurch mich Zeus zu solcher Kunde zwinge,
Eh’ er mir löse diese verderblichen Ketten.
So schleudre denn die glutentolle Flamme jäh;
Mit weißbeflügeltem Schnee und unterirdischem Donner
Mög’ er vermengen und in Staunen alles setzen.
Nichts wird mich beugen, zu verkünden, durch wen
Er aus der Herrschaftsstätte wird gestürzt.

Hermes.

Sieh nun, ob solches dir von Nutzen sei.

Prometheus.

All dies ist längst vorausgesehn, beraten.

Hermes.

Ertrage, eitler Titan, o, endlich trage
Mit klugem Sinn den Schmerz der Gegenwart.

Prometheus.

Vergebens peitschst du mich mit Mahnworten,
Wie Wogen den Fels.
Nimm nicht in deinen Sinn
Dass ich, von Zeus erschreckt, zum Weibe werde
Und ihn erflehe, hassenswert wie er ist,
Mit weibischem Erheben meiner Hände,
Mich aus den Banden zu befreien.
Fern sei mir solches!

Hermes.

Es dünkt mich, dass ich viel und fruchtlos sprach;
Denn keineswegs wirst du gemildert oder besänftigt
Durch mein Gebet; vielmehr, am Zügel nagend,
Wie ein erst angejochtes Ross, ringst du
Und bäumst dich wider den Zaum; und sammelst Kratos
Aus deinen schwachen Trugschlüssen.
Doch unter Toren
Ist nichts geringer als der eigne Wille, selbstgelehrt.
Sieh! bleibst du ungerührt von meinen Worten,
Welch Sturm und unabwendbare Woge
Des Unheils wird dich überfluten!
Zuerst wird unser Vater
Mit Donner und geschleuderter Flamme
Diesen Felsspitz spalten und dein Bild verbergen;
Und dort wird er dich mit steinernen Armen nieten.
Nach vollbrachtem langen Lauf der Zeit
Wirst du das Licht erneut erblicken; und Zeus’ geflügelter Hund,
Blutdürstig, der reißende Aar, lauernd
Den ganzen Tag, ein ungeladner Gast,
Wird das zerrissne Kleid deiner Gestalt zerfetzen
Und sich an deiner dunklen Leber mästen.
Auch hoff’ auf keinen Ausgang solchen Leids,
Eh’ ein Gott, stellvertretend in deinen Qualen,
Erscheine, das unlichte Reich zu schauen
Und die tartarische, dunstige Tiefe.
Darum bedenke wohl: dies ist kein Prahlen,
Nicht eitel ersonnen, sondern wirklich angedroht.
Die Lippen des Zeus vermögen nicht zu lügen,
Und die Erfüllung folgt dem Wort.
Erwäge und bedenke: du sollst nicht meinen,
Der eigne Wille sei ein besserer Führer als kluger Rat.

Chor der Okeaniden.

Hermes scheint uns wohl zu argumentieren;
Denn er ermahnt dich, eigensinn’gen Trotz
Fahren zu lassen und klugen Rat zu suchen.
Gib nach: der Irrtum selbst des Weisen ist Schmach.

Prometheus.

Dies Sendschreiben schreit er mir entgegen,
Mir, der ich alles vorher weiß.
Denn dass die Hassenden die Hassenden verletzen,
Geschieht nicht wunderlich.
So schleudre denn der strupp’ge Blitz
Mit doppelt schneidendem Geschoss auf mich!
Zerreiße Luft der Donnerhall,
Und wüte des wilden Windes Krampf;
Und dass der Erde Grundfesten, ausgerissen,
Vor des Sturmes Anprall beben;
Und dass die Wasser der Tiefe
Mit grauenvollem Tosen Schaum auftürmen
Entlang der himmlischen Bahn der Gestirne;
Und dass er meinen Leib hinabwärts schleudre
In den Tartaros, gehemmt im Lauf
Von mächtigen Wirbeln des verhängten Wehs!
Doch mich zu töten hat er keine Macht.

Hermes.

Solche Worte und Ratschlüsse gewinnt man
Von einem vom Wahnsinn getroffenen Sinn;
Denn was an Wahnsinn scheint nicht ganz der seine?
Und wenn er wahrlich daran Lust empfindet,
Warum sollte er die Kette des Rasens lösen?
Ihr aber, die ihr an des Titanen Schmerz
Gemeinschaftlichen Jammer knüpft,
Weichet mit Eile aus dieser Stätte,
Damit des Donners Brüllen nicht
Euch schlage in stumpfe Verwirrung.

Chor der Okeaniden.

Sprich andern Rat, gib andern Zuspruch,
Womit du mich zu etwas überreden mögest;
Denn dies, was durch deine Verkehrung nahe liegt,
Ist meinem Denken widerwärtig.
Warum rätst du mir,
Solche Freveltat zu vollbringen?
Mein Wille ist es, sein Geschick zu teilen;
Denn Verräter habe ich zu hassen gelernt —
Und keine Schuld trägt unser Wesen
Der meiner Seele verhasster wäre als die ihre.

Hermes.

So merkt euch denn, was ich euch kündige;
Und klagt nicht, von den Hunden des Wehs gehetzt,
Euer Geschick, und behauptet dann,
Zeus habe euch unerwarteten Schmerz gesandt.
Ihr selbst habt es getan.
Mit Wissen,
Frei von Trug und jähem Zwang,
Durch eigne Torheit seid ihr geraten
In die Schlingen von Atês mächtigem Netz.

Prometheus.

In Tat — im Wort nicht mehr —
Wird aus der Ruhe die Erde gestoßen!
Und grollt des Donners widerhallendes Brüllen;
Und starrt der wirbelnde Blick des Blitzes;
Und die Wirbelstürme jagen den Staub;
Und Stöße jeglichen Windes brechen hervor,
Einer dem andern vermählt in einträchtigem Zorn;
Und Luft vermischt sich mit der Tiefe.
Solche Schrecken, sichtbar,
Treibt die Rechte des Zeus hierher.
O Stolz meiner Mutter! O Äther!
Du, der du alles lichtrollend umspannst — siehst du,
Wie ich zu Unrecht leide?